STZ, 21.12.2007

Gepostet am Dez 21, 2007 in Presseartikel

Mit Schafwolle zum „Ort der Ideen“
 
Die Idee zweier Existenzgründer holt die bundesweite „Zukunftswerkstatt Wolle“ nach Dermbach


Dermbach
Die Existenzgründer Jan und Raik Holland-Moritz haben mit ihrer jungen Firma Geotex der Gemeinde Dermbach zu einer Auszeichnung verholfen: Sie ist dank der wollenen Erfindung der Brüder einer von „365 Orten im Land der Ideen“ im Jahr 2008 und wird im Mai die bundesweite „Zukunftswerkstatt Wolle“ ausrichten.

Die beiden Existenzgründer haben ihre Idee gemeinsam mit der Technologie- und Gründer-Fördergemeinschaft Schmalkalden/Dermbach GmbH, kurz TGF, in Dermbach entwickelt. Im dortigen Haus findet sich auch ihre Werkstatt, eine Halle voller Wolle. Aus dem naturbelassenen Vlies, ein Rohstoff aus der Rhön, fertigen sie Stränge, die, zu Matten verwoben, die Grundlage für „blühende Landschaften aus der Rhön“ bilden. Unter diesem Motto hatte das TGF das Woll-Projekt beim Wettbewerb „365 Orte der Ideen“ eingereicht – und konnte sich unter 1500 Mitbewerbern einen Titel sichern.
Eine der Folgen: Alle ausgewählten Orte werden Anfang des Jahres in einem Buch vorgestellt. Eine Art „Reiseführer“, wie TGF-Chefin Roswitha Lincke sagt, die Interessenten zu den „365 Ideen aus Deutschland, die in die Zukunft tragen“, führen soll. Mit der Zukunftswerkstatt im Mai steht ein erster Termin fest und bis dahin könnte manche Wollmatte aus dem Hause Geotex anschaulich blühen. Existenzgründer Jan Holland-Moritz erläutert das Prinzip (siehe auch stz-Bericht „Wolldecken für Bergwiesen“ in unserer gestrigen Ausgabe): Die Wollmatten können, mit Samen versehen, als Erosionsschutz an Straßenböschungen ausgelegt werden. Nach kurzer Zeit, zeigten Versuche, werden aus den Matten jene „blühenden Landschaften“ und bis die Wolle verrottet ist, hat sich ausreichend Wurzelwerk am Hang verankert. In der Zwischenzeit wirkt die Wolle als Dünger, gleicht das Kleinklima aus, speichert und spart Wasser – und vertreibt Nacktschnecken. Eigens gesammelte und auf Rhönschafwolle ausgesetzte Weichtiere „suchten sofort das Weite“, sagt Jan Holland-Moritz.
Ein Umstand, der Thüringens Bauminister Andreas Trautvetter auch an den heimischen Garten denken lässt: „Das probier ich aus“, unter den Beerensträuchern und im Gemüsebeet vielleicht, sinnierte er. Doch sollte er im TGF gestern hauptsächlich dienstlich mit der wollenen Erfindung zu tun haben. Was im Kleinen entstanden ist, verkündete er, soll nun auf größeren Flächen ausgetestet und wissenschaftlich begleitet werden.

Bislang liefen kleinere Versuche mit den Matten in Ettenhausen/Suhl im Wartburgkreis, einen ersten Auftrag erteilte der Landkreis Schmalkalden-Meiningen der jungen Firma mit der Böschungssicherung nach dem Straßenbau bei Metzels. Ein Großauftrag im Sinne von „lasst Autobahnböschungen durch Rhönschafwollmatten blühen“ ist bislang nicht drin. Für öffentliche Ausschreibungen mit all ihren Vorschriften, erläuterte Trautvetter, fehlen der Erfindung die wissenschaftlich erarbeiteten Papiere, das nötige Zertifikat. Das soll jetzt werden. „Größere Flächen“, sagt Trautvetter, „hat nur der Straßenbau“. Joachim Wintjen von der Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und bau GmbH (DEGES) saß gestern in Dermbach mit am Tisch und das Ergebnis der Besprechung bedeutet für die Brüder Holland-Moritz den nächsten Schritt auf dem Weg zur Marktreife ihrer Erfindung: Auf 5000 Quadratmetern Böschung bei Gera sollen ihre Geomatten getestet werden. Wolle allein, mit Samen, in Verbindung mit Heu und im Vergleich zu den bislang üblichen Kokosmatten. Hier wolle man „klar herausfiltern, auf welchen Flächen die Erfindung konkurrenzfähig ist“, erklärt Trautvetter. Er zählt gleich weitere Einsatzmöglichkeiten für die Rhöner Wollmatte auf: Deponieabdeckung, Begrünung von Kali- oder Kupferhalden oder als Mittel gegen Erosionsschäden durch den Wintersport in den Alpen.
Zukunftsmusik, die den Erfinder-Brüdern momentan keinen Cent in die Kasse bringt – sie andererseits aber auch nicht viel kostet. Ebenso wie eine vom Landwirtschaftsministerium angestoßene Untersuchung: Die Landesversuchsanstalt für Gartenbau wird die Wollmatten als Pflanzenträgermatte für Gärtnereien testen. Interesse von Gärtnern bestünde, sagen die Erfinder, nur fehlten auch dafür bislang die wissenschaftlichen Studien.

Findet sich ein Markt für die Geomatten, könnten auch die Schäfer davon profitieren. Wie Wartburgkreis-Landrat Reinhard Krebs aus seiner Zeit als Leiter des Landwirtschaftsamtes bestens bekannt ist, „gibt es seit Jahren Absatzprobleme bei der Wolle“. Das Naturprodukt sei „fast schon Abfall“, den die Schäfer zum Teil vergraben. „Und das kann nicht sein.“ Mit Blick auf die hohe Dichte an Schafbeständen in der Rhön freut er sich, „dass die Erfindung beim Wettbewerb punkten konnte“.
Bleibt noch ein Problem. Wolle ist als nachwachsender Rohstoff nicht anerkannt, entsprechende Fördertöpfe sind verschlossen. Noch. Minister Trautvetter nimmt‘s hemdsärmelig: „Das Thema muss noch bearbeitet werden.“ uf