Nürnberger Nachrichten, Artikel vom 16.04.2010

Gepostet am Apr 16, 2010 in Presseartikel

Gehäkelte Schafwolle hilft beim Straßenbau
 
 nuernberger_nachrichten_16042010_kl.jpgGehäkelte Schafwolle am Straßenrand: Autofahrer werden sich in nächster Zeit  bei diesem Anblick noch öfter ungläubig die Augen reiben. Doch die tierische Idee macht ernsthaft Sinn: Mit der Wolle lassen sich steile Hänge gut befestigen und zum Blühen bringen.   
WASSERMUNGENAU – Ein Schal aus Schurwolle, ein Merino-Pullover, eine kuschelweiche Matratze – all das hat der Mensch bislang blökenden Viehherden auf saftigen Wiesen zu verdanken. Auch als Lieferant von Dämmmaterial ist das Schaf bestens bekannt. Doch neuerdings kommen das Tier und sein Naturprodukt auch auf ganz andere Art zum Einsatz: Das staatliche Bauamt in Nürnberg hat mit der Wolle von rund 1000 Schafen jetzt erstmals eine Böschung im Landkreis Roth befestigt. Ein Pilotprojekt in Bayern, das für blühende Wegesränder sorgen soll – und nebenbei für zufriedene Schäfer in der Region.Auch anderswo ist man auf das Wollknäuel als Wunderwerk der Natur gekommen: Pendler auf der Autobahn 73 bei Nürnberg können das tierische Produkt seit neuestem auf ihrem Weg in die Arbeit bestaunen. Auf einem Teilstück an dem Bahndamm Richtung Fürth hat die Deutsche Bahn es ebenso auf einen Versuch mit Schafwolle auf nackter Erde ankommen lassen. Schon bald soll es hier grünen und blühen, die Wolle unter den Pflanzen verschwinden und nach spätestens sieben Jahren verrotten.

Glück auf ganzer Länge

Die Stränge aus Wolle machen besonders an steilen Stellen Sinn, wirbt der Hersteller Geotex. Wenn die Erde auf die Fahrbahn zu rutschen droht oder starker Regen neue Hänge einfach wegspülen. In solchen Fällen würden die mit Schnur und Nägel befestigten Schutzmatten Erosion verhindern. Befürchtete Erdrinnen, durch die das Wasser schießt und Humus wie Samen wegschwemmt, sind damit Vergangenheit, sagt Winfried Lintner, Mitarbeiter von Geotex.

Schafwolle scheint das Patentrezept: Bei Regen sauge sie sich wie ein Schwamm mit Wasser voll und gebe die Feuchtigkeit regelmäßig wieder ab. Außerdem könnten sich in den Schlaufen Samen fangen und Pflanzen somit besser anwachsen. Zugleich wirkt Schafwolle durch ihren hohen Stickstoffgehalt wie Dünger.

Ein tierisches Beispiel aus Wassermungenau: Durch den kleinen Ort im Kreis Roth führt die Bundesstraße 466. Seit die kurvige Strecke im vergangenen Sommer entschärft und umgebaut wurde, wollte die Böschung nicht mehr halten. Die Mitarbeiter des Bauamts Nürnberg griffen deshalb in ihrer Not erstmals zur Schafwolle. In endlosen Schleifen legten sie die Schnüre auf die Erde und streuten Samen darüber. Inzwischen, ein halbes Jahr später, wachsen hier nun Gras, Nesseln, Löwenzahn und Disteln.

Grünes Gewissen

Das Pilotprojekt sei zwar anfänglich »deutlich teurer» als die bisherigen Lösungen gewesen, sagt Thomas Fechner vom Straßenbauamt. Aber ersten Erfahrungen zufolge mache sich die Investition dauerhaft bezahlt, verspricht der Hersteller guten Gewissens. Kokosmatten als Alternative dazu hätten zum Beispiel jede Menge Nachteile: Sie würden oft vom Regen unterspült. zudem wären sie chemisch behandelt und kämen aus Asien.

Der regionale Gedanke steht für den Erfinder der Schafswoll-Matten, Jan Holland-Moritz, auch im Vordergrund. Zumal er mit Schafen mehr verbindet als lediglich warme Wolle. Die Tiere sind in der Landschaftspflege unersetzlich, weiß er aus seiner Heimat, der Rhön.

In Franken stößt er mit seinem Patent bereits auf Begeisterung: Viele Schäfer wüssten mit ihre Wolle einfach nicht mehr wohin, sagt Friedrich Belzner, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbands der Schafhalter. Die Wolle sei auch nichts mehr wert. Viele Schäfer verbuddelten das Abfallprodukt bereits als Dünger in ihrem Garten. Der Jung-Unternehmer Holland-Moritz würde die Wolle lieber an Straßenrändern wiedersehen und knüpft nun erste Kontakte zu fränkischen Schafhaltern. Schafe im Altmühltal oder auf den Steigerwaldhöhen gibt es schließlich genug…

Johanna Säuberlich

 
16.4.2010  
 
 
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